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Rezensionen - Fantasy

Brigands & Breadknives: Fern ist wieder da – oder doch nicht?

… beziehungsweise:

MIDLIFE CRISIS IN DER FANTASYWELT!

Vorab: Dies ist Buch 3 von aktuell 3, wobei es inhaltlich an Band 1 anschließt. Band 2 ist ein Prequel für Band 1 und meine Rezension dazu findest du hier.

Zugegeben, als ich das Buch in der englischen Taschenbuchausgabe ausgepackt habe, war ich erst mal verwirrt und dann sauer. Wer kommt denn bitte auf die absolute Schnaps-Idee, ein Buch einfach mal so knapp 3 bis 4 Zentimeter zu vergrößern? Es ist offensichtlich proportional größer gedruckt worden als die anderen beiden Teile der Reihe, sodass auch die Schrift innen einfach größer ist und es nicht etwa um mehr Text ging, den man in eine gewissen Seitenzahl bringen wollte. Interessanterweise ließ sich das Buch dann auch schwerer halten, sodass ich nicht ohne Leserillen ausgekommen bin. Tor Verlag, what dis?

Let’s get Cosy! (Fantasy)

Es ist als Band 3 von 3, der logischerweise zeitlich direkt an Band 1 anknüpft, wieder Cosy Fantasy und damit sind die Stakes bekannt: Eine Reise unter Fremden und Freunde, eine Reise zu sich selbst und dazwischen ein bisschen süßer Humor, ein paar leichte Gefühlsregungen und seltsame Gegebenheiten, die ihren ganz eigenen Charme zur Geschichte beitragen. Fern hat ihre Zelte abgebrochen und war unterwegs zu unserem Lieblingsork namens Viv, die nicht nur ein Café aufgebaut hat, sondern auch eine Immobilie für Ferns neuen Buchladen herrichtet.

Fern genießt die Menschen, die sie rund um Viv kennenlernt – aber kriegt tatsächlich die Krise, weil sie einfach keinen Funken mehr in sich spürt, was den Buchladen angeht. In einer Schnapsidee (Motto des gesamten Buches, obv.) springt sie auf einen Karren und schläft dort ein und trifft so niemanden geringeren als Astryx, the faboulous und famous Oathmaiden! Aus Not bleibt Fern an ihrer Seite, doch aus Not wird bald Gewohnheit, vielleicht Freundschaft – und ein Abenteuer, das nicht nur Fern in einen neuen Lebensabschnitt begleitet.

Meine Gedankenwelt zu Brigands & Breadknives

Was mir ganz explizit gefällt, ist, dass in der ganzen Reihe einfach mal keine Teenager auftauchen. Gerade Astryx ist eine Rarität: Unglaublich alt, aber ihr Charakter passt dazu. Trocken, alles schon gesehen, alles schon mal erlebt – wozu sich noch aufregen? Diese Glaubwürdigkeit habe ich sehr genossen, weil es eine gewisse Verlässlichkeit in den Weltenbau bringt. Es geht also um gestandene Charaktere, die sich trotzdem neu orientieren und noch immer über den grundsätzlichen Fragen des Lebens brüten. Dieses Gefühl der Orientierungslosigkeit, des „mache ich mein ganzes Leben wirklich so weiter, bis ich in Rente bin“ ist etwas, das viele Menschen umtreibt und so kann man sich sehr gut mit unserer antiheldenhaften Protagonistin identifizieren oder es nachfühlen. Midlife-Crisis auf Fantasy-Level, quasi.

Travis Baldrees Bücher bleiben auf eine etwas eigenartige Weise auf dem Boden der Tatsachen. Ja klar, Orks gehören nicht zu unserer Welt, aber wenn man mal die Fantasy-Rahmenbedingungen seiner Geschichten verinnerlicht hat, kristallisieren sich trotzdem sehr bodenständige Handlungsstränge heraus. Niemand überschlägt sich künstlich, um zur Entwicklung des Buchs beizutragen, es gibt keine an den Haaren herbeigezogenen Cliffhanger und das Ende passt hervorragend zur Charakterentwicklung. Gerade das Ende empfinde ich als sehr ehrlich und es passt super zur Geschichte – aber vielleicht nicht ganz zu den Erwartungen einiger Leser:innen, wie dieser Reddit-Thread zeigt. 

Die Charaktere sind ein lustiges Sammelsurium – und ja, es gibt da ein Brot- oder Buttermesser, je nachdem, wie man es sich denken möchte. Es gibt aber auch einen Kobold, es gibt Nigellius … jede:r gibt dem Text eine eigene Würze. Mein größter Schmerzpunkt lag manchmal bei Fern selbst, die in fast schon bewundernswerter Weise völlig unfähig ist, sich zu verteidigen oder irgendwie aktiv in Kämpfe einzugreifen. Sie ist komplett verkopft in ihrer Herangehensweise und hält damit so gut wie alles auf. Stellenweise hat es mich sogar hart genervt, but again: Die Elemente der Geschichte sollten zueinander passen und nicht meine sehr singuläre Erwartungshaltung nach Strich udn Faden erfüllen.

Über den deutschen Titel …

… kann ich nur den Kopf schütteln. Ja, das Wort „Brigant“ gibt’s tatsächlich im Deutschen. Warum man dann statt auf „Briganten & Brotmesser“ oder meinetwegen „Buttermesser“ auf „Kobolde & Kuchenmesser“ setzt, erschließt sich mir gar nicht. Zumal im Buchtext, so circa ab Seite 100, eine den englischen Titel erklärende Szene stattfindet, inklusive Wortspiel mit einem Namen und besagtem Gegenstand. Von Kuchenmessern habe ich in dieser Szene allerdings rein gar nichts gelesen.

Zum Abschluss

Es war mir eine Freude und eine wundervolle Unterhaltung, die mich vom Alltag abgelenkt hat. Alles in allem bleibe ich dabei, dass Band 1 der mit Abstand beste der dreiteiligen Reihe ist, aber ich habe auch diesen dritten Band sehr genossen.

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