Auf Amazon bin ich vor einer ganzen Weile auf das Buch „Spellbound After Midnight“ gestoßen und habe das E-Book auf meinem digitalen Stapel ungelesener Bücher dümpeln lassen – jetzt endlich ist es befreit! Autorin ist Jenna Collett – auf Amazon hat sie derzeit 12 Bücher im Verkauf und so wie ich es nach einer zugegeben sehr kurzen Recherche sehe, ist sie Selfpublisherin und ausschließlich auf Englisch unterwegs. Ihre Bücher gibt’s als E-Book und als Taschenbuch. Ihre Website ist ultra reduziert und auch auf Instagram gibt es ausschließlich Buch-Postings. Auf TikTok findet ihr mehr Aktivitäten, aber nichts zur Persona. Secretive!
Darum geht’s in „Spellbound After Midnight“
In erster Instanz ist „Spellbound After Midnight“ eine Märchen-Neuinterpretation und folgt damit den Regeln einer wohlbekannten Geschichte. Eigene Kreativität bringt die Autorin schon beim rahmengebenden Setting ein:
Die gute Fee, die Cinderella ein Kleid, Kutsche und formidable Pferdchen zaubert, ist in unserer Geschichte eine eher minder erfolgreiche Hexe mit einem ererbten Shop, der massive Geldsorgen verursacht – und Pferdchen bekommt sie auch nicht hingezaubert. Genau der Grund, warum sie der verzweifelt wirkenden und spontan im Shop auftauchenden Ella tatsächlich den semi-wertvollen Ring ihrer Mutter abknöpft und ihr dafür ein hübsches Gewand aus einer Illusion webt. Doch statt dass der Zauber um Mitternacht von Ella abfällt, wird diese vor dem erlösenden Glockenschlag ermordet – und so auf übernatürliche Weise an Tessa gebunden. In Konsequenz taucht aus dem Nichts ein strenger, nicht besonders gut gelaunter Detective auf, der im Namen des Königs den Mord an Ella untersuchen soll. Ein verdammt gut riechender Detective mit einer ganz eigenen Vergangenheit …
Eine eigene Art von Romanze
Ich mag es, ich mag es nicht, ich weiß nicht recht, wie ich es einschätzen soll. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass wir durch die Trope-isierung der letzten Jahre „gelernt“ haben, wie eine Romanze abzulaufen hat. Davon allerdings macht sich Jenna Collett weitestgehend frei. Die beiden küssen sich, dabei gibt es aber keine Blümchenexplosionen und noch lange keinen Spice. Sie reden offen miteinander, statt sich in ihren Charakter-Fehlern schweigend zu suhlen und halten sich nicht künstlich aufgebläht voneinander fern. Dass Tessa dann doch das eine oder andere Geheimnis vor ihm bewahren will, ist ihrem Charakter geschuldet, nicht dem Plott und schon gar keinem Trope. Die romantische Entwicklung ist da, sie prägt die Handlung, sie ersetzt sie aber nicht. Insoweit genieße ich die Romanze.
Das fand ich kritisch an „Spellbound After Midnight“
Dann wieder erscheint mir das Buch, als würde es Punkte auf einer Liste abhaken. Ja, es macht Sinn, wie die Autorin die Entwicklungen miteinander verknüpft, aber es fühlt sich bisweilen zu geplant an, zu offensichtlich durchdacht an – gerade, was den Fall angeht. Es ist schön, dass die Autorin sich nicht nur auf die Romanze konzentriert, sondern auch geplant hat, wie der Kriminalfall aufzulösen ist – aber ist es nicht wieder zu gefällig? Doch ich frage mich auch, ob ich hier nicht zu hart urteile. Denn das Buch schürt wenige Erwartungen: Es ist eine übersichtliche Geschichte (Kriminalfall + Liebe), es gibt nur wenige Schauorte und die Personenzahl ist ebenso reduziert. Weder der Inhalt noch der Klappenttext tun also so, als würde es um etwas Tiefschürfendes gehen. Also sollten die Messlatten auch passend zur angebotenen Geschichte reduziert werden. Also sollte ich eher positiv bemerken, dass die Charakterentwicklung rund um Tessa lobenswert ist!
Das Leiden der jungen Tessa
Tessa als Figur ist einfach extrem bemüht, sich Anerkennung zu erarbeiten – leider vor allem in privaten Beziehungen. Ja, der psychologische Hintergrund dazu wird durch den Leistungsdruck ihrer Mutter erklärt, weil sie ihr nie gut genug war und genau hier liegt eine Krux: Tessa erhebt Derrick in den Status einer ihr autoritär überlegenen Person und gibt ihm das Recht, sie ohne wenn und aber zu be- und verurteilen. Für mich färbt das die aufkommende Romanze etwas unschön ein, denn so gehen sie nicht als gleichberechtigte Partner durch die Gefühlswelt. Er ist ihr ganz klar übergeordnet und es dauert lange, bis sich etwas daran ändert. Dabei geht es nicht mal von ihm aus, sondern nur von ihr. Am Ende soll es einen Generationenkonflikt darstellen, aus dem Tessa sich befreien muss oder sollte oder könnte. Mir persönlich dauert die Phase des Anerkennung-suchens zu lange, aber das kann gut und gerne maximal subjektiv sein.
Mein Fazit zu „Spellbound After Midnight“
Ist definitiv kein Vertreter der Cosy Fantasy, aber eine gut geschriebene Interpretation eines häufig genutzten Märchens, die ich in dieser Form noch nicht gelesen habe. Punkte also für die Rahmen gebende Story und dass es in mir das Gefühl ausgelöst hat, „heute unbedingt das Buch fertig lesen zu wollen!“ Ansonsten recht harmlos und auch das ein valider Wunsch aller Lesenden – Lesen ist ein Hobby, das Spaß machen soll. Da darf man sich ruhig in seiner Komfortzone bewegen. Da passt das Buch ganz hervorragend rein und ist gerade im Winter eine nette Unterhaltung für Zwischendrin. Bonuspunkte für die Auflösung des Mörders, denn der taucht nicht mal eben als neue Figur auf und kann theoretisch erraten werden.
Sonstige Infos für dich
Die Reihe „Ever Dark, Ever Deadly“ besteht aktuell aus 5 Büchern, die jedoch unterschiedliche Protagonisten zu haben scheinen. Band 2 heißt „Wolfish Charms“ und fokussiert sich auf Vivian und Argus – was den Mini-Spoiler enthält, dass keiner der beiden wohl der Mörder aus dem ersten Buch ist ^^ Band 3 folgt wieder Tessa, Band 4 einer neuen Protagonistin.
Für mich bleibt’s daher erst mal bei Band 1 only, denn ich arbeite an besagtem SuB und möchte den signifikant reduzieren.