„Uff“ – aus vollstem Herzen gesprochen, den Oberkörper ein bisschen absacken lassen dabei – genau so lässt sich dieses erste Buch von insgesamt dreien ganz gut beschreiben. Presst die Lippen noch ein bisschen zusammen, denn ich weiß einfach nicht, was ich positiv erwähnen könnte in meiner Kritik an Daughter of the Pirate King. Eigentlich bin ich der Meinung, dass der eigene Eindruck von Büchern vom eigenen geistigen Gesamtzustand abhängig ist. Soll heißen: Manchmal bist du in der richtigen Laune für ein Buch, manchmal nicht. Das Buch muss deswegen also nicht schlecht sein, ihr passt nur gerade nicht zusammen. Das Problem mit „Daughter of the Pirate King“ ist, dass ich niemals in der richtigen Laune sein werde. Oder jung genug, um mich von ein paar wilden Ausdrücken beeindrucken zu lassen. Wenn ich jemals wieder tiefer in Teenager-Drama abtauchen möchte, schmeiß ich mir Christina Aquilera in den CD-Player.
Apropos Musik: Ich mach mir eben den Pirates of the Caribbean-Soundtrack an, vielleicht machts dann mehr Spaß.
Darum geht es in „Daughter of the Pirate King“ von Tricia Levenseller
Sie hat wallendes, rotes Haar, ist die Tochter des Piratenkönigs, Captain eines eigenen Schiffes und auf gefährlicher Mission: Alosa. Dass sie gekidnappt wird, ist volle Absicht und bringt sie auf das Schiff von Riden und Draxen, beide Söhne des ehemaligen Piratenlords und natürlich Nachwuchs-Seebären. Der soll einmal ein Stück einer Karte besessen haben, zu der Alosa und ihr Papa netterweise die Ergänzung haben. Während Draxen durch und durch ruchloser Pirat ist und auch echt verabscheuenswerte Typen in seiner Mannschaft willkommen heißt, scheint bei Riden ein anderer Wind zu wehen: Will er etwa seinen Bruder retten? Jedenfalls steht er nicht vor Alosas Zelle, um sie zu foltern …
Problem 1: Die Hauptperson ist unsympathisch
Arrogante kleine Zecke.
Ich pack diese Person einfach nicht.
Sie hält sich einfach so dermaßen für das Gelbe vom Ei, dass sich sämtliche Eingeweide verknoten, wenn sie den Mund aufmacht. Da kann nichts Gutes oder Witziges oder Sinnvolles rauskommen. Angeblich als Assassine erzogen, eiskalt, knallhart, pipapo. Verstehe ich, doch dann wird ihr statt körperlicher Folter ein Messer an die Haarpracht gehalten und schon rastet sie völlig aus oder knickt ein. Ich bin baff. Das ist so… dumm. Selbst für einen Teenie. Psychologisch könnte das netterweise mit der Familienkonstellation zusammenhängen, denn da kann kein Mensch rauskommen, der psychisch sauber ist.
„… aber mein Papi sagt dass…“
Papa hat sie hart trainiert, über ihre Grenzen hinausgebracht, psychisch und körperlich. Und sie? Will sich Papi einfach nur beweisen. Aus meiner Sicht hat sie eine ungesunde Haltung adaptiert, dass Familie sich ja aus Liebe genau so grausam verhält und er ja nur ihr vermeintlich Bestes wollte. Nun könnte daraus ein wunderbarer „ich mach mich unabhängig und entdecke mich selbst“-Plott entstehen, aber in Band 1 war davon nichts zu spüren. Da ist Papa bestimmt noch ganz dolle stolz auf seine kleine Maschine. Nur bei Riden wird sie weicher, aber typisch für ihr psychologisches Profil läuft sie davor weg, also gibt es hier quasi nichts zu berichten.
Problem 2: Beschreibungen

Neben diesem Charakter-Fail stört mich in diesem Zusammenhang noch etwas: Einerseits betont die Autorin ständig, wie fürchterlich knallhart sie ist und ja, sie zieht mal eben eine Klinge über die Kehle und so. Andererseits steht das so nebensächlich im Raum. Es gibt keine Beschreibung, wie Blutgeruch die Luft erfüllt, Nasen zucken, Magen rebellieren oder eben nicht, Blut tropft und wird zäh, gerinnt zu einer dunklen Masse, färbt das Holz, was weiß denn ich. Fehlanzeige, es gibt keine Regung, auf die man als Leser:in eingehen kann. Das unterstützt meiner Meinung nach nicht, wie hart sie ist, sondern ist einfach völlig inspirationsfrei geschrieben.
Drittens werden an unpassender Stelle ein ganzer Haufen an Beschreibungen ausgepackt. Jemand runzelt die Stirn, also gehst du davon aus, dass die Person irritiert ist, sich etwas fragt, verwundert nachdenkt … Und anstatt, dass du dir das denkst, wird das hier alles ausgeschrieben. Sie bringt einen Spruch und dann wird ein ganzer Absatz lang erklärt, warum sie den gebracht hat. Meistens „na weil ich natürlich die Klügste und Coolste bin! Aber das darf ich ja nicht zeigen, ich schauspielere ja, weißt du? Erinnerst du dich? Habs vor 3 Zeilen erst geschrieben, aber zur Sicherheit füg ich es hier noch mal ein.“
Ab einem gewissen Punkt weiß ich doch, warum eine Person sich wie verhält – und wenn nicht, ist das für einen späteren Twist aufgehoben. Auch hier bisher Fehlanzeige.
Problem 3: Plottholes
Löcher in der Handlung können mal entstehen und wenn ein:e Autor:in sich da mal eher schlecht als recht rausfriemelt:n, ist das okay. Wirklich. Aber eben nicht gehäuft, geschweige denn am laufenden Band. Mein Paradebeispiel: Sie geht bei einem vorgetäuschten Fluchtversuch an Land, will einen Bericht an Papa schreiben und findet es schwierig, einen Spitzel ihres Papas zu finden, dem sie den geben kann. Dabei hat sie vor wenigen Minuten an Bord des Schiffes mit einem gesprochen… und ja, sie wusste das. Aber ja, Plott muss halt irgendwie passieren. Wobei mir da noch eines einfällt: Sie hat gutes „Heilfleisch“. Ja, wir befinden uns in einem Fantasyroman, aber dann soll sie halt schneller heilen, weil sie eine halbe Sirene ist und nicht, weil sie Heilfleisch hat. Dank dem steckt sie die äußerst blutigen Prügel im Gesicht (wo eeeextrem viele empfindliche Nerven zusammenlaufen) so gut weg, dass am nächsten Tag nichts mehr wehtut. Bitte was? Ha, hmpf. Hahahaha. Nein. Das … nein.
Problem 4: Fehlende Recherche für Kontext
PIRATEN!
SCHIFFE!
Daraus ergibt sich ein unfassbarer Kosmos an Fachwissen und Ausdrücken, die gerade ein Captain ganz selbstverständlich nutzen sollte. Achtern? Steuerbord? Planken und nicht nur Bretter? Was am Häufigsten kommt, ist der Ausdruck „brig“ – was leider wirklich schlecht gemacht wurde von der Übersetzung: „brig“ ist Englisch. Damit wird die Gefängniszelle eines Schiffes bezeichnet. Im Deutschen gibt es Brigg, was dann aber für ein vollständiges, zweimastiges Schiff steht. Es ist, als hätte die Autorin nicht mal gegoogelt, sondern einfach mit dem in ihr vorhandenen Filmwissen eine kleine Gute-Nacht-Geschichte geschrieben. Woher kommt also der große Welterfolg? I have no f…. clue.
Gnade? Ja, ein wenig.
Jetzt erschien Band 1 bereits 2017 und das ist aktuell geschlagene 8 Jahre her. In dieser Zeit entwickeln sich Lesetrends und Menschen deutlich weiter ud das möchte ich hier auch berücksichtigen. Denkt an Veronica Roth und ihre erste Dystopie – sowas würde heute zu noch ein Gähnen auslösen, hat damals aber wirklich die junge Buchwelt geprägt. Der zweite Grund für Gnade ist, dass ich kein Teenager mehr bin und unterbewusst andere Ansprüche setze (die Zielgruppe des Buchs liegt wohl zwischen 12 und 18) – auch wenn ich versuche, sie bewusst runterzusetzen, wenn ich ein Jugendbuch lese. Versteh das bitte nicht als Arroganz, aber mit 38 Jahren fühle und denke ich anders als ein Teenager auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt.
Welche Hoffnung gibt es für Band 2?
Das Machtkonstrukt „Piratenkönig und Landregierung“ ist simpel genug fürs Verständnis und bietet gleichzeitig viel Potenzial für Verstrickungen, sodass die Protas langfristig nicht nur auf dem Schiff herumspringen müssen. Sie als Vertreterin einer Seite könnte ein Konter bekommen von der anderen, sodass es nicht immer nur um Riden geht?
Außerdem ist Band 2 ein Jahr später erschienen, sodass sie Autorin eventuelle Erfahrungen nach und aus Band 1 verarbeiten hätte können. Ich will das wissen 🙂

… denn natürlich waren die Bücherbüchse-Ausgaben so pretty, dass ich sie mir gleich alle 3 geholt habe. Wie so ein Anfänger eben ^^
Die Bücherbüchse weiß aber eben auch, wie man Bücher unglaublich pretty gestaltet! Bunte Illustrationen vorne und hinten, schimmernde Folie auf dem Buch selbst mit Motiven direkt aus dem Buch und dazu ein echt hübsches Cover auf dem Umschlag.
Ja, ich weiß genau, warum ich es gekauft habe.
Kennst du die Reihe und wenn ja, wie fandest du sie?
Ein Gedanke zu „Schiffsbruch Deluxe: Kritik an Daughter of the Pirate King“