Romance in Doha, Sturmflirren, Yasmin Shakarami
Rezensionen - Romance

Eine Romance in Katar (Muss das denn sein?)

Rea ist die Tochter eines Diplomaten, super gut in der Schule und erst kürzlich hat der so ziemlich hotteste Typ der Schule sie zu seiner Freundin gekürt. Jetzt ist alles perfekt! Doch in der Perfektion lauern Tücken, denn der Druck macht Rea zu schaffen und allmählich wächst ihr alles über den Kopf. Als ihr Vater ausgerechnet nach Katar versetzt wird, bricht unter und über ihr alles zusammen. In eine für sie fremde Welt geworfen, muss sie schnell schwimmen lernen, doch das ist alles andere als leicht. Gerade die Rollen der Frauen und Mädchen in der Gesellschaft machen ihr zu schaffen. In gestohlenen Momenten im Schatten der flirrenden Wüste lernt Rea schließlich die Menschen Dohas kennen: Frauen, die sich ihre eigene Freiheit geben – und auch Shabah, einen geheimnisvollen Jungen, der nicht nur verflixt gut in Autorennen ist, sondern auch die Schmetterlinge flattern lässt …

Deutlich mehr als „nur“ Romance: „Sturmflirren“ von Yasmin Shakarami

Ich lasse an dieser Stelle gern einfließen, dass das Buch bei cbj veröffentlicht wurde – also ein Jugendbuch ist, nicht nur ein durch junge Charaktere jugendlich angehauchtes. Aber ich bin halt alt 😀 Da musste ich mal kichern und auch mal die Augen rollen, wie sich Rea am Anfang in Bezug auf Doha und Katar aufführt – muss ich mich auf sowas vorbereiten, wenn meine Tochter zum Teenager wird? Ohhhhje … Andererseits bietet dieses Verhalten auch die wundervolle Möglichkeit, den Charakter im Laufe der Geschichte weiterzuentwickeln – und das tut die Autorin. Schritt für Schritt führt sie Rea auf einen Weg, den man so nicht hat vorhersehen können. Ich habe allerlei Dinge vermutet, denn durch eigene Vorurteile geprägt, war ich auf der Suche nach politischen Faktoren, die die Charaktere voneinander fernhalten könnten. Yasmin Shakarami bleibt indes ihrer Linie treu und konzentriert sich auf die Menschen und das ist gerade für alte Hasen wie mich eine kleine, sehr freundliche Lektion: Wir haben immer die Wahl, wie wir mit Entscheidungen, Menschen, Dingen und Gefühlen umgehen. Man muss nicht perfekt sein, aber wir tragen die Verantwortung für die Wahl, die wir treffen.

Was mich besonders berührt hat

Wir waren alle mal Teenager und wenn ich die aktuellen Generationen anschaue, haben sie so ganz andere Themen auf ihrer Palette als wir. Im Vergleich zu heute bin ich damals so viel behüteter aufgewachsen, denn Handys waren erst am Kommen, Social Media gab es erst in meinen Zwanzigern … Im schlimmsten Fall gibt es in Social Media Bilder direkt aus der Kindheit, die „super witzig“ für die Eltern waren und jetzt ein einziger Angriff auf die Persönlichkeitsrechte. Aber manche Themen bleiben gleich: Den Platz in dieser Gesellschaft finden, ob nun auf weltweiter Ebene oder lokal in der eigenen Familie. Wer bin ich? Wohin will ich? Was gehört vielleicht zu mir, was ich bisher nicht mal wahrgenommen habe? Wem vertraue ich in dieser sensiblen Phase?

Yasmin Shakarami widmet sich diesen komplizierten Fragen auf eine so emotional behutsame Weise, dass man auch mit Mitte 30 sich noch mal auf diese Reise einlassen kann. Sie setzt glasklar voraus, dass jeder sein soll, wie er, sie, divers sein möchte und auch so akzeptiert wird. Abgesehen vom Teenager-Drama am Anfang des Buchs tut das richtig gut. Denn auch mit Mitte 30 muss man nicht in festgefahrenen, etablierten Routinen stecken bleiben, sondern kann sich verändern (wollen).

„Braucht es ein Buch über eine Romance in Doha?“

Diese Frage musste sich die Autorin auf Instagram tatsächlich anhören. An dieser Stelle ganz großen Respekt an Yasmin Shakarami, die völlig ruhig, aber auch sehr eindeutig geantwortet hat. Aber mal unter uns: Ich verstehe nicht, wie man diese Frage für sinnvoll halten kann. Wenn man geboren wird, ist das eine schiere Lotterie, welche Staatsangehörigkeit es wird – wer sucht sich seine Eltern denn bitte aus?! Insofern macht es zero Sinn, jemandem seine durch Geburt festgelegte Staatsangehörigkeit vorzuwerfen. Darf denn jemand, der in Doha geboren wurde, keine Liebe erfahren? Darf man kein Buch darüber schreiben, in dem es ein Land namens Katar gibt? Dürfen diese Menschen medial nicht wahrgenommen werden oder existieren, weil die aktuelle Regierung des Landes kritikwürdig ist? Leute, denkt bitte noch mal gaaaanz kinkerlitzchenkurz nach.

Um also meine Frage aus der Überschrift zu beantworten: Ja, passt ganz hervorragend so.

Ihr neues Buch ist übrigens bereits angekündigt: Schattenlicht – ebenfalls bei cbj, mit geographischem Fokus auf Kanada.

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