Aktuell lese ich Band 3 der „Der Hexenzirkel Ihrer Majestät“-Trilogie von Juno Dawson. Dabei stolperte ich immer wieder über das Stilmittel, dass die Hexen trotz ihres Zirkels nicht miteinander reden und so natürlich für Konflikte sorgen. Wenn sie gemeinsam an einem Strang ziehen würden, wären ihre Probleme fast gelöst – und so fühlt es sich an, als wäre das Buch etwas künstlich aufgebläht. Das kenne ich von anderen Büchern und bin tatsächlich alles andere als begeistert, wenn es zu oft eingesetzt wird. Es verschwendet meine Zeit, ganz simpel formuliert und macht das Buch nicht wirklich spannender.
Was Juno Dawson aber auch macht, und das fiel mir als besonders seltsam auf: Begründen, warum ihre Figuren nicht miteinander sprechen. Direkt in dem Moment, in dem das Mittel des Nicht-Redens eingesetzt wird, erklärt sie in der Gedankenwelt ihrer Figur mit einigen Sätzen, warum.
Da frage ich mich auch, warum eigentlich? Warum riskiert man, dass die Geschichte noch weiter aufgebläht wird? Ist das denn nicht tell, statt show und damit der Fehler, den eigentlich Anfänger begehen? Juno Dawson ist allerdings beileibe keine Nachwuchsautorin – nicht nur ist dies bereits Band 3, sie ist auch Autorin bei Doctor Who und medial wirklich gut unterwegs. Check gern ihren Instagram-Account aus, ich bin ihr lange gefolgt, bevor ich mein Instagram in einer genervten Spontanaktion komplett gelöscht habe.
Bei dieser Rumgrübelei kam mir ein Gedanke: Von einer „wirklich guten Geschichte“ erwarte ich, dass sie mir etwas Neues unterbreitet oder zumindest eine neue Komposition bekannter Aspekte. Aber geht das überhaupt noch?
Sind Bücher langweilig geworden oder kann man gar keine neuen Geschichten mehr erzählen?
Warum war ich von dem Stilmittel so abgeturnt? Die Menschen, respektive auch ich, lesen mittlerweile so viel, dass sie alle Kniffe und Mittel kennen, die Autor:innen so einsetzen. Griff man früher ab und zu zu einem Krimi, konnte man sich fallen lassen und abwarten, obs der Gärtner war, ein uneheliches Kind auftaucht oder oder oder … Aber wenn man viel liest, begegnet einem auch viel. Es gibt gefühlt so gut wie keine Überraschungsmomente mehr, was Plottwists angeht. Ich bin 38 und habe keine Ahnung, wie viele Bücher ich in meinem Leben gelesen habe. Da ich aber über 1.000 Zuhause habe, über die Jahre mindestens genauso viele wieder aus der Hand gegeben und als Kind in der lokalen Bücherei gelebt habe – woher soll denn noch etwas Neues kommen? Außer durch Komposition und Charaktere, aber der strukturelle Part bleibt. Oder ich vergesse etwas 😀
Seit die Menschen sich Geschichten erzählen, folgen diese bestimmten Erzählmustern. Gut gegen böse. Generationenkonflikte. Einführung, Komplikation (=warum wir das Buch spannend finden und weiterlesen), Höhepunkt (=der Kampf oder die essenzielle Auseinandersetzung), fallende Handlung (geschafft, aber es gibt Konsequenzen) und der Schluss. Entlang dieser Linien verlaufen so ziemlich alle Bücher oder sogar die meisten Geschichten. In anderen Worten: Hier kommt nichts Neues – und das ist keine Schuldfrage, die man den Autor:innen zuweisen darf. Ich hab einfach schon zu viel gesehen / gelesen. „Neu“ kann also nur eine Komposition sein oder „gut“ kann sein wie emotional ich mit dem Buch verstrickt werde und wie gut ich die Prota- und Antagonisten finde.
Die Fixierung auf Tropes endet in Langeweile pur
Zwischen diese bekannten Erzählstrukturen streut man in aktueller Belletristik sogenannte Tropes. Ich verstehe sie als Verfeinerung der oben genannten Regeln – Enemies to Lovers, Found Family, … Allein, welche Bedeutung diese Tropes in letzter Zeit bekommen haben (check mal Bookstagram, wenn du mir nicht glaubst), ist doch seltsam. In so vielen Beiträgen geht es nicht mehr darum, welche Handlung im Buch stattfindet oder auf welche Charaktere man sich einlassen soll. Stattdessen wird mit Tropes um sich geworfen, um das Buch so genau wie möglich zu beschreiben. Mit der eigentlichen Handlung oder den Details, in die wir uns beim Lesen eigentlich verlieben, hat das nichts mehr zu tun. Möchte die fiktive Person Tom wirklich was von seiner Sandkasten-Bekanntschaft Tina, passt das wirklich zu seinem Charakterdesign? Oder wird die Handlung bloß so hingedreht, damit man „Friends to Lovers“ hinten draufschreiben kann, am Besten noch ANSTATT der Inhaltsbeschreibung? Kann man als Autor:in sich noch frei Geschichten ausdenken und damit erfolgreich sein, oder muss man sich an diesen Trends orientieren?
Tropes sind auf den Inhalt bezogen das Gleiche, wie der Farbschnitt. Man braucht es nicht, aber er wird herangezogen, um die Wertigkeit eines Buchs zu bestimmen. Das ist allerdings noch mal ein anderes Thema – Tropes sind das neue „Sex Sells“.
Mein Fazit
Ich denke, durch meine bisherige Leseerfahrung bin ich tatsächlich etwas übersättigt, was Handlungsmotive angeht und es tut mir leid, wenn ich Bücher diesbezüglich zu hart beurteile oder beurteilt habe. Wenn ich also zukünftig Bücher rezensiere, werde ich durchaus sagen, dass das „nicht miteinander reden“ eine mir subjektiv unsympathische Hinhaltetechnik ist, vor allem wenn sie zu häufig eingesetzt wird. Aber that’s it. Kurbeln wir zurück zu Juno Dawson: Für mich wirkt es, als hätte das Lektorat etwas angemerkt, aber vielleicht wollte sie das Stilmittel oder die Szenen nicht zu intensiv umschreiben. Es gefällt mir trotzdem nicht, wie häufig es verwendet wird, beziehungsweise wie auffällig.
Jedoch: Wenn ein Buch mich nicht überraschen kann, hinterfrage ich zukünftig erst mal das Gefühl, bevor ich die Geschichte insgesamt negativ einschätze.
Wir alle sollten vielleicht auch mal wieder einen Schritt zurücktreten und das Hobby „Lesen“ neu betrachten. Es spricht rein gar nichts dagegen, sich die schöneren Ausgaben mit Farbschnitt etc zu holen. Das will ich zukünftig auch tun, weil ich nicht mehr so viel lesen kann wie früher – da kann ich meine begrenzte Zeit auch mit der richtig schönen Ausgabe verbringen. Aber das darf nicht heißen, dass man Bücher ohne Farbschnitt & Co ignoriert. Wir sollten uns wieder auf die Inhalte fokussieren, denn diese bringen unsere Herzen zum Schwingen, kreieren tiefe Abneigung auf völlig fiktive Personen und lassen das Gedankenkarussell rattern.
Und darum geht’s doch in Wirklichkeit, oder?