Rezensionen - Sonstige

Ich hab’s geschafft! Becoming… done.

Wenn ich an Michelle Obama denke, fällt mir als erstes das Stichwort „Contenance“ ein – denn so wirkte sie immer auf mich. Sehr ausbalanciert, reflektiert und klar. Der zweite Gedanke zu ihr ist eine Szene aus einem Interview, in der sie über ihre Töchter spricht. Was die Frage war, weiß ich nicht mehr, aber sie sagte ganz klar: „Ich bin ihre Mutter, nicht ihre beste Freundin.“ Für mich hat der Satz echt Momentum und hat mir geholfen, meine eigene Rolle als Mama gegenüber meiner Tochter zu finden.

Ich lese selten Biografien, aber …

Ganz ehrlich: Ich finde es immer seltsam, eine (Auto-)Biografie zu rezensieren – denn hier erzählt jemand etwas über sein eigenes Leben. Da zählen Faktoren wie „Spannung“ einfach anders und die Storyline ergibt sich in der Regel aus realen Umständen. Aber gut, man schreibt so eine Biografie ja eher dann, wenn man ein bewegtes Leben geführt hat und dazu gehören 8 Jahre als FLOTUS der USA definitiv dazu – zumal Michelle Obama die erste Schwarze FLOTUS zum ersten Schwarzen POTUS war.

Mein erster Eindruck von „Becoming“

Mein ganz grundsätzlicher Eindruck von „Becoming“ ist, dass Michelle Obama einfach die Gelegenheit nutzen wollte, um einmal ganz allein ihre Seite der Geschichte zu erzählen. Ein einziges Mal nicht darauf warten zu müssen, was sich Medien aus einzelnen Momentaufnahmen ihres Lebens zusammenschustern. Die erste Hälfte mit ihrer Kindheit in Chicago hat mich tatsächlich nur mäßig fasziniert, deutlich spannender wurde die zweite Hälfte, als die Politik stärker ins Rampenlicht gerät – und ihre gesellschaftliche Kritik.

Natürlich ist gerade eine Autobiografie eine Form der Selbstinszenierung, die entsprechend orchestriert werden kann – und so fühlt es sich streckenweise an: sehr offiziell, gediegen und zurückhaltend. Vielleicht entkommt man dem offiziellen Sprech irgendwann nicht mehr, wenn man einmal viele Jahre in den offiziellen Polit-Mühlen verbracht hat.

„I will never run for office“ (Michelle Obama, Becoming)

Sie jedenfalls macht deutlich, dass sie von dem Konzept der beiden großen Parteien in den USA wenig hält, weil aktuelle gesellschaftliche Probleme sich nicht mit Partei-Ideologie lösen lassen. Ihre politisch schärfste Kritik übt sie natürlich an den Republikanern, die einfach aus Bock auf Widerstand gehandelt hätten und nicht etwa, weil sie bei einer politischen Frage einen anderen Lösungsansatz verfolgt hätten. Ihnen sei es nur um Macht gegangen, schreibt sie nicht nur ein Mal. Das wird’s bei Demokraten genauso geben, aber die Partei ihres Mannes findet wenig Erwähnung – ist an der Stelle auch okay, weil es ja um ihr Leben gehen soll und eben nicht mal wieder nur um Mr. Obama. Auf Instagram ist der erste Halbsatz ihrer Biografie jedenfalls, dass sie ein Girl von der South Side ist – für mich zeigt das, dass sie froh ist, aus den Politmühlen raus zu sein und sich auf ihre Wurzeln besinnen will, um zu sich selbst zu finden.

Vom Druck, plötzlich das Role Model einer ganzen Nation zu sein

Vielleicht kann eine ehemalige First Lady auch deswegen nicht wirklich persönlich aus dem Nähkästchen plaudern oder mit dem Finger zeigen, weil selbst, wenn sie ausgeschieden ist, sie der Vorbildrolle eben doch nicht ganz entkommt. Von diesem Druck erzählt sie in „Becoming“ sehr eindringlich. Nicht nur, dass sie nach der Wahl ihres Mannes plötzlich ganz grundsätzlich als Role Model betrachtet wurde – dass die an sie gestellten Forderungen mal in diese und mal in jene Richtung gingen, machte das Erfüllen der Kriterien so ziemlich unmöglich… Es wirkt zu wahnsinnig ungerecht und genau das war es doch auch. Nichtsdestotrotz musste Michelle Obama jedes Mal wieder vor die Kameras treten und wusste dabei genau, dass irgendjemand etwas besser über sie wusste, als sie selbst.

Das schon mal ganz grundsätzlich und dazu dann immer, leider immer die Frage nach der Hautfarbe: Wenn sie etwas (vermeintlich?!) falsch gemacht hat, wog es umso schwerer, weil Rassisten weltweit daraus ein Problem für Millionen anderer Schwarzer Menschen gemacht haben – eine Art kollektive Haftung für Perfektion, die von niemand anderem so erwartet werden würde. …und dazu kommt auch noch, nur als Frau an der Seite von Barack Obama wahrgenommen zu werden – nicht als Anwältin, nicht als eigene Person. Als +1 und nicht bezahlt, aber hart arbeitend.

Mein Fazit zur Biografie von Michelle Obama

Ich bin froh, es gelesen zu haben. Gerade in aktuellen Zeiten lohnt sich jeder Blick über den Tellerrand, der die eigenen Grenzen reflektiert und hoffentlich ein besseres Miteinander bedingen kann.

Ehrlicherweise bin ich aber auch froh, es endlich geschafft zu haben! Seit der Veröffentlichung im Jahr 2018 liegt die englische Ausgabe bei mir und war schon Teil meiner #12für2024-Aktion – und schließlich bei #12für2025. Mit meiner begrenzten Lesezeit sind Bücher, die nicht der reinen Unterhaltung dienen, rar gesät – aber das hier hat sich gelohnt.

 

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