Fragt man Buchmenschen, wie sie (High) Fantasy definieren, nennen sie in der Regel sofort Hexen, Zauberer, Orks, Elfen und beschreiben eine mittelalterliche Welt. Dass diese Vorstellung massiv von weißen Männern geprägt ist, ist kein Wunder. Der Herr der Ringe, Game of Thrones – ja, auch GRR Martin sagt in Interviews, dass diese Vorstellungen von männlichen, weißen Autoren geprägt sind. Beziehungsweise deren Vorstellungen, die wiederum kulturell geprägt sind. Jetzt kann darin auch Vielfalt stecken, denn laut Tolkien kamen Zwerge in ALLEN Farben daher, theoretisch also auch Blau. Wurde filmisch dann leider nicht umgesetzt und natürlich prägen gerade Filme das visuelle Vorstellungsvermögen der Konsument:innen.
Wie sehr das auch in mir verankert ist, das hat mir SHIGIDI vor Augen geführt.
Darum geht es in SHIGIDI – Raub im britischen Museum
Shigidi ist ein Gott der Albträume und arbeitet in einer Geisterfirma. Bringt ein Mensch ihm ein Gebet und Opfergabe dar, um im Gegenzug um einen Gefallen zu bitten, ist das in der Regel eine Art Mordauftrag. Shigidi wandert zu dem beabsichtigten Opfer und quält es durch Albträume, bis es verstirbt. Nicht, dass er darauf besonders stolz wäre, aber es ist wie es ist, corporate job eben. Bis er auf eine Sukkubus namens Nneoma trifft: Sie fordert ihn heraus, kitzelt seinen Wunsch nach Glück, füttert ihm Ambitionen und gibt ihm einen neuen Körper, der nicht mehr einem Albtraum zu entsprungen sein scheint. Zusammen reisen sie durch die Welt, verzehren Geister und leben sich aus – bis Shigidis ehemaliger Arbeitgeber auftaucht und ihn ermorden will. Gerade rechtzeitig taucht Olorun auf, der Chef der Firma und verhindert das Schlimmste. Im Gegenzug aber beauftragt er Shigidi und Nneoma, etwas aus dem Britischen Museum zu rauben – ein Abenteuer, das die beiden alles kosten könnte!
Inwiefern hat Shigidi – Raub im Britischen Museum mich gefordert?
Das Setting ist komplexer als das gängiger Fantasyromane. Zum Teil hängt das mit den Charakteren zusammen, die quasi seit Anbeginn der Zeit aktiv durch die Welt wandern. Wer das nicht einfach nennen, sondern in die Handlung integrieren möchte, muss einen sehr guten Zeitplan haben und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Mit 346 Seiten ist das Buch vergleichsweise kurz und umso mehr freut es mich, dass Wole Talabi es wahnsinnig gut schafft, alles zusammenzubringen. Auch die kleinsten Nebencharaktere haben eigene Kapitel und das ist gut so! Warum? Weil sie an einem bestimmten Punkt des Raubs auftauchen und dem Pärchen helfen müssen. Da tut es gut, ihre Mini-Prequel zu lesen, damit man erfährt, wie ihr Zusammenhang zu Shigidi oder Nneoma entstanden ist. Mit jedem Nebencharakter lernen wir auch noch die beiden Hauptpersonen besser kennen – wie sie sich in anderen Jahrhunderten verhalten haben, was sie damals angetrieben hat, welche Emotionen sie beherrscht haben. Viel Komplexität auf wenigen Seiten – es ist also keine reine Unterhaltung, die man nebenbei liest. Ein anderes Beispiel ist, dass die Schwester von Nneoma nicht nur einfach Lilith heißt, sondern einen direkten biblischen Bezug hat, denn mehrfach wird der Fall Luzifers erwähnt, den Nneoma und Lilith bei seiner Revolution unterstützt haben.
Welche Rolle spielt Aleister Crowley?
… und dann? Taucht da auch noch Aleister Crowley auf, ein sehr real gelebt habender Mann, der sich mit Satanismus sowie Sex Magick beschäftigt hatte in einer Weise, die sehr modernen Bezug hat. Ich erwähne ihn hier, weil mir seine Aussagen in meiner Jugendzeit öfters begegnet sind und ich niemals damit gerechnet hätte, dass er hier als aktiv handelnder Charakter und wichtiger Teil der Story auftritt. NIEMALS. Ich hab fast meinen Kaffee ins Buch gespuckt! Abgesehen davon liebe ich Wole Talabi dafür, dass er es ganz direkt auf Tableau bringt:
„Heutzutage ist jeder Satanist.“
Klingt seltsam, ist aber nach der zugrundeliegenden Definition von Aleister Crowley so. Er ging davon aus, dass Satan nicht das eine große Wesen ist, sondern Satanismus gleichbedeutend ist mit dem Drang der eigenen Gottwerdung. Dank Social Media und der immerwährenden Selbstoptimierung haben Milliarden Menschen etwas von Aleister Crowley übernommen: „Tu was du willst, sei das ganze Gesetz“. Nicht wörtlich zitiert, aber der Kern passt. Leider auch zur modernen Gesellschaft. Dabei könnte man bei genau diesem Spruch genauer hinsehen: Was will man denn? Geht es um etweas langfristiges? Geht es um Triebe? So einfach, wie der Spruch tut, ist er jedenfalls nicht.
Und nur um einen Raub geht es in diesem Buch definitiv auch nicht!
Afrikanische Fantasyelemente
Diese haben mich herausgefordert und massiv zur Spannung beigetragen: Sie folgen einer anderen Erzählweise als das, was ich bisher gelesen habe: Oft dachte ich, die Handlung geht jetzt in eine bestimmte Richtung, doch dann wurde ich von einer ganz anderen Wendung überrascht. Das tut dem Hirn unfassbar gut: Meine Gedanken mussten ausgetretene Wege verlassen und sich auf eine neue Reise einlassen, die bereits festgeschrieben vor mir lag – wie schnell man mental wieder in der ewig gleichen Heldenreise feststeckt, merkt man erst, wenn das Konstrukt einem um die Ohren fliegt. Zu den Elementen gehören nicht nur die Götter, sondern auch die Glaubenskonzepte, Sprüche, SPRACHE selbstverständlich, kultureller Hintergrund, wer was trägt, wer wen kennt und wieso das von Bedeutung ist. Gefühlt könnte Talabi aus diesem Buch einen kunterbunten Kosmos schaffen, in dem noch so viele mehr Geschichten passieren.
Zu den Namen der Personae musste ich eine ganze Weile googlen – die meisten Suchtreffer bei Google geben für Nneoma keine Bedeutung an. Vermutlich aber eher, weil der Name selten vergeben wird: „good mother“, sagt eine sehr seltsam anmutende Seite aus Indien, die ich hier nicht aktiv verlinken möchte. Es passt aber wahnsinnig gut ins Geschichtenkonzept, denn Lilith gilt als Mutter allen Bösen. Ihre Schwester ist dann die gute Mutter, die sich ehrluch Sorgen macht, liebgewonnene Existenzen voranbringen will, … Bei kiindred.co wird als Ursprung Nigeria angegeben und als Bedeutung „female grace, beauty and strength“. Als Sukkubus ist ist auf jeden Fall stark, wunderschön und wird vorrangig weiblich gelesen. Ob sie es ist, wird in SHIGIDI zumindest nicht explizit genannt.
Worum geht es final bei SHIGIDI?
Obwohl es nach ihm benannt ist, geht es eigentlich um Nneoma. Wir wissen, seit wann sie lebt, was ihr größtes persönliches Drama ist und was sie will. Letzteres muss sie auf Umwegen angehen, seit sie Shigidi kennt und in den Raub verwickelt wird. Ihre Gedankenwelt beherrscht die seine und damit die Pärchen-Dynamik die Handlung. Besagter Raub findet dann auch erst am Ende statt, was minimal für Punktabzug sorgt. Bei der prominenten Nennung im Buchtitel hätte ich gedacht, dass er ein deutlich zentraleres Handlungsmotiv ist. Es geht bei all dem Brimborium um das Thema, das ganz am Anfang genannt wird: Liebst du mich und gibst du es zu?
Das Fazit
Mit „SHIGIDI Raub im Britischen Museum“ habe ich endlich mal wieder ein Buch gelesen, das unterhaltsam und herausfordernd war. Es lässt mich auch jetzt noch nicht richtig los und ich werde es definitiv später noch einmal durchgehen. Wie bei jedem Buch kommt es aber auf die Leser:innen-Intention an.
Hier ist richtig,
- wer mitdenken und
- Neues kennenlernen will,
- Sarkasmus mag,
- inneren Monologen folgen kann
- keinen expliziten Spice sucht,
- aber von Sex-Szenen auch nicht gestört wird
- zwischen den Zeilen die kleinen Wahrheiten über das Leben lesen möchte.
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